Südsudan: die aktuelle Lage

- Bildnachweis: UNMAO Photo Gallery. Kinder im südsudanesischen Teilstaat Blue Nile.
Veronica Girikula lebt zusammen mit ihrer Freundin Rosino Navelo und drei Kindern im Dorf Ngongoro im Südsudan. In der Umgebung gab es schon einige tödliche Unfälle. Mit einem gewissen Fatalismus erzählen sie: „Was sollen wir machen – hungern? Wenn Gott es will, werden wir sterben. Aber vielleicht ist unsere Zeit noch nicht gekommen. Wir gehen in das Minenfeld, um Holz zu sammeln und nach Essbarem zu suchen und hoffen, dass wir am Abend heil nach Hause zurückkehren.“
Minen im Südsudan: Das ganze Land ist betroffen!
Der Südsudan erlangte am 9. Juli 2011 seine Unabhängigkeit und ist damit der jüngste Staat der Welt. Nach 20 Jahren Bürgerkrieg zwischen dem muslimisch-arabischen Nordsudan und dem christlich-animistischen, nicht arabisch geprägten Südsudan gehört das nordostafrikanische Land zu den am schlimmsten verminten Regionen weltweit.
Das ganze Land ist betroffen: aus allen drei Regionen des Südsudan und aus sieben seiner zehn Bundesstaaten wurden 2010 Minenunfälle dokumentiert. Die größte Zahl der Vorkommnisse wird aus den Staaten North Bahr el Ghazal (30) und Upper Nile (20) – beides Grenzregionen des Südsudan – berichtet.

- Bildnachweis: UNMAO Photo Gallery. Eines der vielen Minenopfer, heute erfolgreich reintegriert.
Hohe Opferbilanz unter der Zivilbevölkerung
Die Verminung des Landes und damit auch die Opferbilanz reicht weit zurück: Laut UN Mine Action Office (UNMAO) haben sich in den Jahren von 1964 bis Ende 2010 insgesamt 4.283 Minenunfälle ereignet. Dabei wurden 1.226 Personen getötet und 3.057 zum Teil schwer verletzt. Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffer noch höher ist.
Für 2010 liegen laut Landmine Monitor 82 Unfallberichte vor. Mit 43 Vorkommnissen betraf mehr als die Hälfte der Unfälle Kinder, mit 36 waren die Mehrzahl davon Buben. Bei 17 belegten Fällen mit weiblichen Opfern waren sieben Mädchen betroffen. Dies dokumentiert die große Gefahr, die gerade für Kinder von Landminen ausgehen. Diese sind durch ihre familiären Aufgaben wie Holzsammeln, Viehhüten oder Wasserholen besonders gefährdet. Viele Kinder werden aber auch beim Spielen schwerst verletzt oder getötet!
Von den Unglücksfällen von 2010 sind auch sechs Entminer betroffen: zwei Männer starben, vier wurden verletzt. Sie wurden während ihrer gefährlichen Arbeit für die Sicherheit der Menschen im Südsudan selbst zum Opfer.

- Bildnachweis: UNMAO Photo Gallery. Zerstörter Traktor nach einem Minenunfall im August 2010.
Dringlichkeit der Entminung: unsichere Dörfer und schlechte Versorgungslage
Nach der Unabhängigkeit des Landes ist die Entminung wichtiger denn je: Tausende Flüchtlinge kehren in ihre Heimat zurück. Das stellt die neue Regierung vor große logistische Probleme: Die Dörfer und Häuser sind zum Teil zerstört, die Ländereien vermint. Die wirtschaftliche Basis für eine nachhaltige Neuansiedlung besteht noch nicht.
Die Flüchtlingsfamilien müssen daher an der Grenze angehalten und in temporären Lagern untergebracht werden, bis die Rückkehr in ihre entminten Dörfer möglich ist. Aktuell unterstützt daher GGL Austria die Partnerorganisation FSD bei der Finanzierung eines Minenräumprojekts an der Grenze zu Uganda, um für die heimkehrenden Flüchtlinge möglichst rasch eine minenfreie Umgebung zu schaffen.
Die Zeit drängt! Da die Versorgungslage in den Auffanglagern schlecht ist – die UNO hat bereits im Jänner 2011 auf die prekäre Versorgungslage für 900.000 Menschen im Südsudan hingewiesen – verlassen viele trotz der großen Gefahr durch Minen und nicht explodierte Sprengkörper die Lager und gehen in ihre Dörfer, die Mitten in Minenfeldern liegen. Sie stehen vor einer schwierigen Wahl: im Exil bleiben, wo Hunger allgegenwärtig ist, oder nach Hause zurückkehren und bei der Feldarbeit Tod oder Verstümmelung durch Minen in Kauf nehmen!

- Bildnachweis: UNMAO Photo Gallery. Ein bereits entminter Verkehrsweg im Südsudan.
2006 lebten rund vier Millionen Südsudanesen aufgrund des Bürgerkriegs nicht in ihrer Heimat, viele von ihnen harrten in Lagern in Nachbarstaaten oder im Gebiet des ehemaligen Gesamtsudans aus. Es ist davon auszugehen, dass etwa drei Millionen dieser Flüchtlinge bereits zurückgekehrt sind, sich am Weg befinden oder planen, in nächster Zukunft zurückzukehren.
Gerade im Hinblick auf die prekäre Versorgungslage der Flüchtlinge hat die Verminung von Verkehrswegen besonders dramatische Auswirkungen: Wenn Lebensmittellieferungen aus Sicherheitsgründen nur auf dem Luftweg zu den Betroffenen gebracht werden können, sind die Transportkosten horrend hoch. So zeigt sich, dass in Gebieten, in denen die Verkehrswege seit 2010 bereits geräumt werden konnten, die Transportkosten um 40 Prozent gesunken sind.
Hoffnungszeichen: neue Regierung unterzeichnet Minenverbotskonvention
Knapp fünf Monate nach der Staatsgründung hat sich nun die neue Regierung am 11. November 2011 verpflichtet, Antipersonenminen zu ächten. Damit ist die Republik Südsudan als 158. Staat der Minenverbotskonvention beigetreten. Es ist bezeichnend für die große Tragweite der Minenproblematik für dieses Land, dass dies das erste verbindliche internationale Übereinkommen ist, welches die Regierung des Südsudan unterzeichnete.

- Bildnachweis: dietmar.peter. Warnschild an einer von Landminen geräumten Straße im Südsudan.
Als teilnehmender Staat der Minenverbotskonvention muss der Südsudan nun alle vorhandenen Lagerbestände von Antipersonenminen zerstören und verstärkte Anstrengungen unternehmen, um das kontaminierte Land von Minen zu befreien, Opfern und deren Angehörige substantiell zu unterstützen sowie in betroffenen Gemeinden z.B. durch Minenrisikoaufklärung die Zahl der Minenunfälle zu senken.
Die Unterzeichnung der Minenverbotskonvention durch die Regierung des Südsudans ist gerade auch im Hinblick auf unabhängige Berichte aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahres wichtig, in denen von der neuerlichen Verlegung von Antipersonenminen berichtet wurde. Laut diesen Meldungen scheinen Rebellengruppen im Zuge von Kampfhandlungen mit den Truppen des Südsudans Gebiete in den Teilstaaten Jonglei, Unity und Upper Nile neuerlich mit Landminen kontaminiert zu haben. Die Regierung gab bekannt, Mitte November 2011 Mitglieder einer Rebellengruppe wegen der geplanten Verminung von Verkehrswegen inhaftiert zu haben.
(15.1.2012)
Quellen:
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